 >Agon<, getanzt von Allegra Kent und Arthur Mitchell,
choreographiert von George Balachine; 1957
 >DonQuichote<, getanzt von Rudolf Nurejew und Lucette
Aldous, choreo-graphiert von Nurejew; 1973
 >Jeu de Cartes< getanzt von Egon Madsen (Joker) und dem
Stuttgarter Bal-lett, choreographiert von John Cranko; 1965
 Peter Tschaikowskij, >Schwanensee<, getanzt vom
Royal Ballet, London
 Ballettgruppe mit Marie Anne de Camargo (Stich
nach Nicolas Lancret, 18.Jh.)







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Ballett [französisch ballet,
italienisch balletto, Diminutiv von ballo >Tanz< (zu
spätlateinisch ballare >tanzen< ) im weiteren Sinn jede Art von stilisiertem
Theatertanz des abendländischen Kulturkreises sowie das Bühnenensemble, das solche Tänze
aufführt, auch das aufgeführte Stück selbst sowie die zum Tanz
komponierte Musik; im engeren Sinn der klassisch-akademische Tanzstil (>danse d'école<).
Das Ballett entwickelte sich im 15./16.Jh. aus den an
den italienischen Fürstenhöfen gepflegten Schauspielen (Huldigungsspielen, Trionfi, Maskenspielen, Intermedien) sowie
aus dem Gesellschaftstanz. Als erstes eigenständiges Ballett
gilt das >Balet comique de la Royne< von BALTAZARINI,
das am 15. 10. 1581 am Pariser Hof aufgeführt wurde: ein Totalspektakel aus
Musik und Tanz, Gesang und Rezitation, verbunden mit prunkvollen Umzügen
in der großen Halle des Palais Petit-Bourbon. Es bestimmte die
Entwicklung desHof-Ballets (Balletdecour) unter aanderem in Frankreich,
Italien, Wien, Dresden und Stuttgart.
Seinen Höhepunkt, aber auch
einschneidende Veränderungen erlebte das Ballet de cour unter
LUDWIG XIV.; er gründete 1661 in Paris die Académie royale de danse und
übergab ihre Leitung P. BEAUCHAMPS und J.-B. LULLY. Mit BEAUCHAMPS beginnt die
Kodifizierung der Ballett-Regeln; das Ballett wurde zum Bühnenstück, mehr und mehr
von Berufstänzern getanzt.
An der 1671 in Paris gegründeten Academie royale de
musique, der späteren Opéra, entwickelten LULLY und BEAUCHAMPS das
Ballett weiter. Die Technik verfeinerte sich, Frauen drangen allmählich auf die
bis dahin den Männern vorbehaltene Tanzbühne vor. 1701 veröffentlichte der
Beauchamps-Schüler R. A. FEUILLET die erste brauchbare Tanzschrift, 1726 wurde
die CAMARGO erste Solotänzerin der Opéra. Sie entlehnte dem
Männertanz zahlreiche technische Schwierigkeiten (z. B. Entrechats), schaffte den
Blockabsatz des Tanzschuhes ab und verkürzte den Rock so weit,
daß ihre Beinarbeit sichtbar wurde.
In Wien führte F. HILVERDING zwischen 1740 und
1760 Handlungsballette nach Tragödien von VOLTAIRE und J R. RACINE
auf und ging dazu über, auch leichtere, pastorale Themen aufzugreifen. Sein Schüler und
Nachfolger G. ANGIOLINI versuchte, die Pantomime weitgehend im dramatischen
Tanz aufzulösen. ANGIOLINIS Lebenswerk gipfelte in der Zusammenarbeit
mit C. W. GLUCK, dessen Ballett >Don Juan< (die erste tragische Ballett-Pantomime)
und >Semiramis< ANGIOLINI auf die Bühne brachte.
Bedeutsamer für
die Ballett-Entwicklung wurde jedoch J. G. NOVERRE. In vielen Ballett sowie
theoretischen Schriften (besonders den 15 >Lettres sur la danse<, 1760) setzte
er sich für eine Ballett-Dramaturgie ein, die sich insbesondere vom Divertissement abwandte. C.
BLASIS entwickelte die Ideen NOVERRES weiter, trat aber für
eine strengere Anwendung der akademischen Regeln ein. BLASIS gilt als
der Erfinder des Spitzentanzes, in dem MARIA TAGLIONI erste Meisterin wurde. Die
Romantik ist die Zeit der großen Ballerinen (neben der TAGLIONI FANNY
ELSSLER, CARLOTTA GRISI, FANNY CERRITO, LUCILE GRAHN); an der
von CARLOTTA GRISI kreierten Titelrolle des Balletts >Giselle< wird bis heute
das Können einer Tänzerin gemessen.
Während in der 2. Hälfte des
19. Jh. das Ballett in den bisherigen Metropolen verflachte, entwickelten sich Kopenhagen und
Petersburg zu neuen Zentren. Blütezeiten erlebte das Kopenhagener Ballett
1775- 1811 unter V. GALEOTTI, später unter A. BOURNONVILLE.
Der Glanz des kaiserlichen Balletts in Petersburg ist die Leistung von M. PETIPA,
der1862-1903 als kaiserlicher Ballett Meister einen strahlend-virtuosen Ballettstil (>Zarenklassik<)
entwickelte; ihm sind nicht nur
klassische Meisterwerke wie die abendfüllenden Ballette >Schwanensee<, >Dornröschen<, >Der
Nußknacker< (alle mit Musik von P. I. TSCHAIKOWSKY),
>Don Quichote< und >Raymonda< zu verdanken, sondern er wirkte
über die Ballets Russes, den Neoklassizismus und G. BALANCHINE bis in
die zweite Hälfte des 20. Jh. Unter dem Einfluß der Ballets Russes, die
S. DIAGHILEW von Petersburg 1909 nach Paris brachte, setzte in Westeuropa
eine Renaissance des Balletts ein, verbunden mit einem Strukturwandel, in dessen
Verlauf die Choreographie die Dominanz über Libretto und Musik
errang und der Choreograph zum eigentlichen Autor eines Balletts wurde.
Markstein
dieses Wandels ist der Leserbrief von M. M. FOKIN an die Londoner
>Times< vom 6.7. 1914 mit fünf Grundforderungen für den neuen Tanz:
Ablehnung vorgefertigter Schrittkombinationen und Bewegungsfolgen; Tanz
und Mimik sollen Ausdruck einer dramatischen Situation sein; die
Ausdrucksfähigkeit soll nicht nur Gesicht und Hände, sondern den ganzen
Körper des Tänzers und darüber hinaus die der ganzen Gruppe erfassen;
schließlich begrüßte FOKIN die Verbindung der Künste unter der
Voraussetzung vollkommener Gleichwertigkeit und lehnte die Unterordnung
des Tanzes unter die Musik oder auch unter das Bühnenbild ab. Das erste
choreographische Kunstwerk in diesem Sinn hatte FOKIN 1909 mit >Les
Sylphides< selbst geschaffen. Eher irrtümlich sah er auch den 1910
uraufgeführten >Feuervogel< (Musik von I. STRAWINSKY) als ein
>choreographisches Gedicht< an. Auch die meisten übrigen wichtigen
Ballette der nächsten Jahre, durchweg Produktionen der Ballets Russes,
sind nicht durch die Choreographie entscheidend geprägt, sondern durch die
Musik (>Petruschka<, 1911, und >Le Sacre du printemps<, 1913,
beide von I. STRAWINSKY; >Daphnis und Cloe< von M. RAVEL, 1912) oder
durch das Zusammenspiel anderer Elemente (so in >Parade<, 1917,
durch J. COCTEAUS Libretto, E. SATIES Musik und P. PICASSOS Bühnenbild).
Eine entscheidende Wende nahm die Entwicklung des Balletts durch die
russische Oktoberrevolution, die zunächst alle choreographische
Experimente begünstigte, bald aber die Freiheit der Künste wieder
unterdrückte und dadurch die Persönlichkeit ins Exil trieb, der das
Ballett des 20.Jh. die entscheidenden Impulse verdankt: BALANCHINE, der
seit 1925, nach FOKIN, W. NIJINSKIJ, L. MASSIN und NIJINSKIJS Schwester
BRONISLAWA NIJINSKA, letzter Chefchoreograph der Ballets Russes war. Sein
Ballett >Apollon Musagète< (Musik von I. STRAWINSKY, 1928)
entspricht am ehesten den Thesen FOKINS. BALANCHINES Neoklassizismus, hier
zum erstenmal sichtbar, beherrschte jahrzehntelang die westliche
Ballett-Bühnen, während sich im Ostblock unter Führung des Sowjetballetts
ein Stil entwickelte, der durch einen pathetischen Pseudorealismus,
sozialistische Thematik und stark athletische Züge gekennzeichnet ist. Zu
den wichtigsten Exponenten des Neoklassizismus gehören neben BALANCHINE
vor allem F. ASHTON, BRONISLAWA NIJINSKA sowie J. ROBBINS. Die meisten
Ballette dieser Choreographen beschränken das Bühnenbild auf einen - bei
BALANCHINE vorzugsweise lichtblauen Hintergrundprospekt. Ihre Tänzer
treten in Trikots oder Tuniken auf. Die Musik bedeutet ihnen nicht
Melodie, sondern >Einteilung von Zeit< (BALANCHINE) und kann
infolgedessen auch weggelassen (wie in >Moves< von ROBBINS, 1959)
oder durch Geräusche oder Texte ersetzt werden (wie in Teilen von ANNA
SOKOLOWS >Dreams<, 1961, M. BÉJARTS >À la recherche de
...<, 1968, oder H. VAN MANENS >Situation<, 1970).
Parallel zum
Wiederaufstieg des Balletts in Westeuropa und Amerika - und
mitverantwortlich für ihn - verlief die Bewegung des freien Tanzes, die
zunächst Frontstellung gegen das Ballett bezog, diesem letztlich aber neue
Impulse gab. In ISADORA DUNCANS Gefolge entwickelte sich mit R. VON LABAN,
MARY WIGMAN, DORE HOYER und K. JOOSS als bedeutendsten Vertretern der
Ausdruckstanz, aus dem in den USA der Modern dance hervorging. MARTHA
GRAHAM als überragende Persönlichkeit dieses Stils gab dem Modern dance
ein dem klassischen Ballett-Kodex vergleichbares Vokabular, das sie in
einer eigenen Schule lehrte. Das Ende des Gegensatzes zwischen Modern
dance und klassische Ballett markierte die Uraufführung der von BALANCHINE
und MARTHA GRAHAM gemeinsam choreographierten >Épisodes< (1959).
Ehemalige Graham-Schüler gaben dem Ballett neue Impulse. J. LIMÓN, P.
TAYLOR, ANNA SOKOLOW, G. TETLEY, A. NIKOLAIS und vor allem M. CUNNINGHAM
entwickelten experimentelle Ballett-Stile, die die Erfahrung zweier
Weltkriege und der zunehmenden Umweltzerstörung durch den Menschen
einschließen. Die Übergänge zu anderen Bühnenkünsten verschwammen im
Mixed-media-Stück.
Europa hatte der choreographischen Übermacht der
Amerikaner jahrzehntelang nur wenig entgegenzusetzen. In Frankreich war
auf die Scheinblüte eines französischen Neoklassizismus durch S. LIFAR und
die kurze Existenz der BaIlets des Champs-Élysées von R. PETIT und
ähnlichen Gruppen der völlige Niedergang gefolgt. In Großbritannien (und
später in der Bundesrepublik Deutschland) suchten J. CRANKO und K.
MACMILLAN das Handlungsballett als Kunstform des 19.Jh. neu zu beleben.
Neue Anstöße gelangen M. BÉJART und seinem Ballet du XXe Siècle, die mit
unkonventionellen Spielorten und effektvollen Großproduktionen ein neues,
nach Zehntausenden zählendes Publikum gewannen, sowie den in den
Niederlanden arbeitenden Choreographen R. VAN DANTZIG, J. KYLIÁN und
besonders H. VAN MANEN, der die Emanzipation des Balletts im Sinn
FOKINS entscheidend vorantrieb.
Nachdem seit etwa 1900 der halbstündige,
abstrakte Einakter vorgeherrscht hatte, sind die bedeutenden neuen Ballett
in Europa, besonders seit etwa 1975, mehraktig und wieder von
abendfüllender Dauer. Das bedeutet keine Rückkehr zum linear erzählten
Handlungs-Ballett des 19.Jh., wohl aber eine erneute Hinwendung zur
Realität. Es gibt vereinzelte Versuche, längere Musikvorlagen abendfüllend
abstrakt zu interpretieren (z. B. J. NEUMEIERS Choreographien verschiedene
Sinfonien von G. MAHLER), überwiegend behandeln die neuen Ballett jedoch
menschlich, nicht selten gesellschaftliche Konflikte und Probleme. Als
Form benutzen sie die Collage mit übereinandergeschichteten Bildern und
Bildfetzen oder die traumhafte film. Montage, häufig auch eine Kombination
beider Formen.
Das Ballett der Bundesrepublik Deutschland hat aber nicht
nur durch das langjährige Engagement von CRANKO in Stuttgart und NEUMEIER
Anschluß an internationalen Entwicklungen gefunden. Mit
ihrem Tanztheater schufen Choreographen wie PINA BAUSCH, G. BOHNER,
R. GILMORE, REINHILD HOFFMAN, K. HORVÁTH, J. KRESNIK oder S. LINKE eine
spezielle Form, die sowohl auf die Errungenschaften des deutschen
Ausdruckstanzes zurückgreift als auch auf Erfahrungen des Schauspiels und
in der westlichen Welt vielfache Nachahmung erfuhr. Ein deutlichen Einfluß
des Tanztheaters ist auch bei W. FORSYTHE zu beobachten, der vor allem in
Frankfurt a. M. mit seinen choreographischen Arbeiten eine theatralische
Art der tänzerischen Grundlagenforschung entwickelt hat.
Literatur: A. J. WAGANOWA: Grundlagen des klassischen Tanzes (a.d. Russ., 2
1959); H. KOEGLER: Ballett international (1960); Methodik des klassischen
Tanzes, herausgegeben von G. LÖRINC (a. d. Ungar., Berlin-Ost 1964); H.
SCHMIDT-GARRE Ballett Vom Sonnenkönig bis Balanchine (1966); L. KIRSTEIN:
Movement and metaphor. Four centuries of ballet (New York 1970); A.
WOOLLIAMS: Ballett-Saal (a. d. Engl., 1973); N. I. TARASOV: Klass.
Tanz. Die Schule des Tänzers (a. d. Russ., 2 1977); Ballett Eine
illustrierte Darstellung des Tanztheaters von 1581 bis zur Gegenwart,
herausgegeben von M.PASI (a.d. Italien., 1980); M. FONTEYN: Vom Zauber des
Tanzes (a. d. Engl., Rüschlikon 1981); H. KlLIAN: Stuttgarter Ballett (2
1981); H. KOEGLER und andere: Ballet and the arts. 25 Jahre International
Sommerakademie des Tanzes (1981); R. LIECHTENHAN: Vom Tanz zum Ballett
(1983); Tanz in Deutschland Ballett seit 1945, herausgegeben von H.
REGITZ (1984); W. SORELL: Der Tanz als Spiegel der Zeit
(1985).
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